Donnerstag, 22. Dezember 2016

nachdenklich verblieben, dann Einspruch

Der Text von Roger ist erschienen und das ist gut für alle, die nicht in Mecklenburg gewesen waren zum Zeitpunkt der Rede. Er ist das Vermächtnis eines enttäuschten Tatkräftigen, den wir nicht mehr befragen können um Rat. Denn er war ratlos verblieben. Es ist nicht mehr wahrscheinlich, dass er von seiner Krankheit nicht gewusst hat, da bin ich mir sicher. Alle Werke der der letzten Jahre haben im Untertext ein Vermächtnis. Roger schrieb seinen Rückblick in mehreren Teilwerken, soweit er eben kommen konnte. Er schieb über seine Eltern, sein Erleben und Aufleben, seine Werte, seine Wunden, das Endende und das fast schon Unbeschreibliche dahinter. Er schrieb über das Verschwindende, was er noch anmahnen musste, und es war vollkommen klar zu erwarten beim Hören der letzten Musik/Literaturaufnahme, was er tun würde, wenn es dem Lebensende zu gehen würde. Still sein, nicht mehr schreiben, dem Weltgeräusch noch einmal nachlauschen bis zum Stillstand. Das Schweigen üben, um es letztlich zu können. Er sah sich schon sehr lange als Weggehenden und Abschiednehmenden, als Betrachter des Seins vom Weltende aus. Schaut rückwärts und Ihr seht, dass zwischen allen clownesken Episoden schon Rückblicke verarbeitet wurden von ihm, lange vor dem letzten Text. Solange noch eine Gnadenfrist blieb, schrieb Roger Willemsen. Dann wandte er sich ab vom Rückblick. Und das Literarische ist durch sein zeitaufwendiges Bewältigen der Gegenwart, für den Schreibenden wie für den Leser immer das Gleiche, ein Rückblick.

Was genau bleibt zu sagen; haben wir wirklich nichts zu sagen an der Türschwelle?

Zweifelsohne scheinen es Schwellenzeiten zu sein, bei soviel Paradigmenwechseln, die Roger erlebte. Und sie sind anstrengend. Sehr anstrengend und ermüdend. Aber wir haben etwas zu sagen, lieber Roger, und das ist zwar nichts Neues, aber das, was Menschen zu allen Zeiten zu ihren Liebsten sagten: wir stammeln und schauen scheu und zugleich genau - herüber, aus uns herüber zum Andern und so in unseren eigenen Aufbruch. Und können uns nicht satt sehen an dem goldenen Blau des aufdämmernden Tages. Und wenn der Sonnenaufgang dann ertönt in der Kehle der Vögel, wissen wir um das Beginnen. Solange wir sehen und hören und fühlen, können wir aufgehen in Allem. Trotz Allem und wegen Allem. Und wenn ein Mensch schweigt, dann ertönt die Stimme dessen, der bislang noch schwieg. Als Rogers Vater verblich, musste neu getönt werden. Ist es auch worden, Roger Willemsens Pessimismus widerspreche ich, schon weil ich ihn erlebte und es ist immer auch anstrengend, Werte zu vertreten. Es gab und gibt Zeiten, in denen man das Einstehen für Werte mit Leben bezahlt, sich beeinträchtigt, um sich zu erneuern. Mag es auch ein anderes Geschöpf sein, das unlängst vor Jahrtausenden aufstand in einer Höhle. Es steht immer wieder aus den gleichen Gründen in jeder nachfolgenden Zeit ein gleichartiges Geschöpf wieder auf. So plump und grazil wie damals und morgen. Und weil wir eben Mensch sind, sehn wir genau und scheu einander dabei an und sind einander zugewandt vom Morgen bis zum Abend und erheben uns aus immer den gleichen Gründen neu.
Zu sagen gibt es also immer wieder genug in jedem Zeitalter, in neuer Form oder auch nicht, aber ganz sicher aus den gleichen Gründen.
Was immer dem im Wege steht, dass in tausend Jahren Menschen das Lebensnotwendige haben, gilt es, in diesem Augenblick und morgen weiter, wegzuräumen. Und was das Lebensnotwendige ist- das kennen selbst die Kleinsten und wir sind uns über das wirklich Wichtige alle vollkommen einig, was man an fünf Fingern abzählen kann. Es sind die gleichen Dinge, die auf jeder Glückwunschkarte stehen und standen so schon an der Wand des Höhlenmenschen. Und welchen Kontinent ich auch betrete, werde ich in anderer Sprache zwar, aber doch die gleichen Wünsche hören von einer Generation an die andere.  Und ob ich es in Stein schneide oder in den Computer schreibe, im Kern sind die Wünsche uralt und zugleich Zukunftsmusik. Und was ist dieses Ich und dieses Du, Haut - Fleisch - Gewölbe, welches sich unlängst noch berüherte. Und in schnellere Schwingung kam. Wunderlich und wunderbar das alles....

Sonntag, 21. Februar 2016

Der Rausch des Lesens

Ab der 50. Minute gibt es eine Rede von Roger Willemsen, die "Das Lesen" umschwirrt mit der Begeisterung einer Biene für die Blüte in kunstvollen Kreisen.





In der Tat, das Lesen eröffnet einen Raum, den das Sehen von Bildern nicht ermöglichen kann. Denn man kann nicht gleichzeitig imaginieren und sehen. Der Film fordert meine Aufmerksamkeit des Erfassens von Bildern und des Einordnens des Erfassten in ein Wissenskonzept. Das Lesen hingegen ermöglicht mir, über das Springen meiner Augen über die Buchstabenreihen hinaus, das Imaginieren.
"Seemann, träume!"

Sonntag, 14. Februar 2016

Farben - Musik - Werte

Blaugraue Töne




Ja, genau so sind die Tage und Zeiten. Gemischte Gefühle allenthalben und seltsame Verwerfungen von Wertbegriffen. Während das Essen immer künstlicher wird, wird die Kosmetika immer gesünder. Auf der Verpackung von so manchem Nahrungsmittel steht eine lange Liste von Chemie und auf der Verpackung des Shampoos findet sich neben den zu erwartenden Anteilen Kakaobutter, Avocado oder Apfel. Michel Petrucchiani denkt beim Musizieren an Farben. Ich denke beim Essen an Industrieabfall im Mund und beim Haarewaschen ans Essen.

Im Supermarkt ist nicht die Chemie als Warnung auf dem Essen aufgedruckt, sondern die biologische Herkunft wird bemerkenswert als Sonderfall und Minorität. Sollte es nicht genau umgekehrt sein? Werteverkehrung als Abfallprodukt dieses Jahrhunderts?

Mittwoch, 10. Februar 2016

ACH

Ach, Roger Willemsen! Es ist so betrüblich, dass Du gestorben wurdest. Es ist nicht vorstellbar, dass Du sterben wolltest zu einem mehr als klitzekleinen Teil Deiner Selbst. "Ja", Du hast über Selbstmord früh geschrieben und das ist sicher ein Anzeichen für Anfälligkeit für Selbstaufgabe und "Heimdrehen". Aber auch "Ja", Du bist ein munterer Seifensieder gewesen und wolltest "noch mehr" und deshalb lebendig bleiben, weiter schreiben.
Sicherlich ahntest Du, dass der Odem nicht mehr lange ausreicht, aber ob Du wusstest, wie bald und wie still Dein Atem steht? Beim Auftritt in der Sendung "Ich trage einen grossen Namen" sieht man, wie mitgenommen Du emotional bist und wie erschüttert von der drohenden Vernichtung. Du hast Dich selbst gespielt; Roger der verbissen lächelnd Roger Willemsen spielt.
Dein froher Zugriff auf die Welt war zum ersten Mal fast weg und Du schwandest. Und Du selbst trägst den grossen Namen und Deine Verwandten werden eines Tages deswegen eingeladen werden. Und jeder Zeit hättest Du selbst auch Deines Vaters wegen eingeladen werden können, der ein bedeutender Experte war, nur leider nicht allen bekannt.

Es erscheint mir unglaublich, dass dieser lebendig atmende Geist und Körper von Roger Willemsen nun tot und zusammenhangslos sein soll. Es wäre schön, wenn man Dich, Roger Willemsen, sich vorstellen könnte als eine Art Shakespeare, dem der Stift entglitt und dessen Hand über des Sessels Lehne beim letzten Blick über die Gartenbäume im Abendlicht nach unten fällt. Mein grösstes Interesse ist zur Zeit, von Deinen Nachlassverwaltern versichert zu bekommen, dass Deine "Kladden" nicht verschwinden, Deine Überlegungen nicht vernichtet und die letzten Funken konserviert sein möchten von kundigster Hand. Denn wer weiss schon, was wichtig und richtig ist. Das zeigt vielleicht der Lauf der Jahrhunderte.

"Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum." Du, Roger Willemsen, träume in seinem Schatten so manchen süssen Traum, JA!